Gestern Abend habe ich unsere Lizenzliste aufgemacht, um eine Meldung über OpenAI gegenzuprüfen. Zwei Minuten später hatte ich die Meldung vergessen und starrte auf die Lücke zwischen neun bezahlten Sitzen und dreizehn Leuten, die täglich damit arbeiten.

Auf diesem Bildschirm ist unter der Antwort noch Platz. Foto: Sanket Mishra auf Pexels
Was am Montag tatsächlich angeht
Kurz die Fakten. Ab dem 24. August erscheinen in ChatGPT in 31 europäischen Märkten Anzeigen, darunter Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Polen, die Niederlande und die skandinavischen Länder. Das ist der Sechsmonatspunkt des Werbegeschäfts, das im Februar in den USA startete und danach über Kanada, Großbritannien, Japan und Südkorea lief.
Die Ausgestaltung ist enger, als ich erwartet hatte. Anzeigen laufen nur in Free und in Go, dem Tarif für rund acht Euro im Monat. Jeder bezahlte Arbeitsplan ist außen vor, also Plus für gut 23 Euro, Pro für 229 Euro sowie Business, Enterprise und Education. Die Anzeige steht unterhalb der Antwort, abgesetzt durch eine graue Linie und als gesponsert gekennzeichnet.
Beim Targeting hat OpenAI zum Start auf Profile verzichtet. Ausgewählt wird über das Thema des laufenden Gesprächs, den ungefähren Standort, den Gerätetyp, die Tageszeit und die Sprache. Personalisierte Werbung ist standardmäßig aus und braucht eine ausdrückliche Zustimmung, die aktiv abgefragt wird. Werbetreibende bekommen ausschließlich zusammengefasste Leistungsdaten zurück, also Aufrufe und Klicks. Neben Gesprächen über psychische Gesundheit, Politik und Waffen sollen keine Anzeigen erscheinen. Die EU-Datenschutzerklärung wurde dafür am 14. August aktualisiert.
Ein Detail, das in den meisten Meldungen untergeht: Buchen kannst du diese Flächen vorerst gar nicht. Digiday zufolge läuft der Einstieg in Europa über sechs Agenturholdings, Publicis, Omnicom, WPP, Havas, Dentsu und MediaPlus. Self-Service-Werkzeuge für kleinere Unternehmen sind angekündigt, ohne Termin. Unter den ersten Werbekunden stehen Target, Adobe, Audible und HelloFresh.
Ich habe vor dem Falschen gewarnt
Im Mai habe ich hier einen ziemlich lauten Text geschrieben. Die Kernaussage war, dass Werbung zwangsläufig Targeting bedeutet, dass OpenAI eure Prompts auf verwertbare Signale durchleuchten muss und dass eure Geschäftsdaten am Ende beim Wettbewerber landen könnten. Der Rat lautete, OpenAI als Standard zu streichen.
Drei Monate später steht der Start fest, und die Umsetzung trifft meine Warnung an genau drei Stellen nicht. Personalisierung ist deaktiviert und opt-in. Werbetreibende sehen aggregierte Zahlen statt Gesprächsinhalte. Und jede Version, in der ein Unternehmen ernsthaft arbeitet, zeigt überhaupt keine Anzeigen. Ich habe das Szenario beschrieben, das technisch möglich war, und nicht das, was ein Anbieter unter DSGVO und Digital Services Act tatsächlich ausrollt. Das ist ein Fehler, den ich öfter mache, als mir lieb ist.
Was von der alten Analyse trägt, ist kleiner und praktischer. Die Anzeige sitzt unter der Antwort. Sie wird nach dem Thema ausgewählt, über das jemand gerade nachdenkt, und sie erscheint in dem Moment, in dem noch nichts entschieden ist. Rund ein Fünftel aller Anfragen in ChatGPT hat laut OpenAI direkte kommerzielle Absicht, bei zuletzt genannten 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern. Als Kaufsignal ist das stärker als alles, was der klassische Suchschlitz je geliefert hat. Deshalb wird diese Fläche funktionieren, und deshalb wird sie wachsen.
Ich habe drei Monate lang über den Datenabfluss geschrieben. Die Rechnung kommt über die Lizenzzeile.
Neun Sitze, dreizehn Leute
Zurück zu gestern Abend. Wir haben neun bezahlte ChatGPT-Sitze. Nach einer Runde im Team-Channel kamen dreizehn Leute zusammen, die das Werkzeug regelmäßig für Kundenarbeit benutzen. Vier Personen arbeiten also in Free oder Go, zwei davon sind Werkstudenten, eine ist eine freie Texterin mit eigenem Zugang. Ab Montag steht unter jeder Antwort, die diese vier zu einem Kundenthema bekommen, ein bezahlter Vorschlag von jemandem, der für dieses Thema geboten hat. Der Abstand zwischen dieser Situation und einem anzeigenfreien Arbeitsplatz beträgt 15 Euro pro Kopf und Monat, gerechnet von Go auf Plus. Bei uns sind das 60 Euro im Monat, über die ich zwei Jahre lang nicht nachgedacht habe.
Bei einem Zulieferer, mit dem wir seit dem Frühjahr arbeiten, ist dieselbe Lücke größer. Gut 120 Beschäftigte, 22 gekaufte Lizenzen, und in einer internen Umfrage im Juni gaben 71 Leute an, ChatGPT für die Arbeit zu nutzen. Die Differenz läuft über private Accounts, teils auf privaten Geräten. Als wir das damals besprochen haben, ging es um Vertraulichkeit, und der Betriebsrat hat mitdiskutiert. Über Werbung hat niemand ein Wort verloren, weil es nichts zu besprechen gab. Ab Montag gibt es etwas.
Ich habe deshalb zwei Sachen geändert. Die Lizenzliste steht jetzt neben der Personalliste in derselben Tabelle, mit einer Spalte dafür, wer produktiv arbeitet und was er dafür benutzt. Und für die vier offenen Fälle bei uns kaufe ich diese Woche Sitze im Business-Plan, weil dort neben der Werbefreiheit auch die Frage der Trainingsdatennutzung sauber geregelt ist. Der reine Plus-Kauf wäre billiger gewesen und hätte das halbe Problem gelöst.
Warum ich die Anzeigen trotzdem für richtig halte
Die unbequeme Seite meiner alten Kolumne: Werbefinanzierung ist der Grund, warum dieses Werkzeug für Leute erreichbar bleibt, die 23 Euro im Monat für eine Software nicht ausgeben. Dazu gehören Vereine, Schulen, Einzelunternehmer und ein guter Teil der Menschen, die in meinen Workshops sitzen. Ein Modell, das nur gegen Abo funktioniert, hätte den Zugang schneller sortiert, als es jede Anzeige tut.
Und die Trennung ist sauberer gebaut, als ich sie dem Anbieter zugetraut hätte. Graue Linie, Kennzeichnung, kein Eingriff in die Antwort selbst, keine Anzeigen bei sensiblen Themen. Ob das so bleibt, wenn der Umsatzdruck steigt, weiß ich nicht, und der Opt-in für Personalisierung ist die Stelle, an der ich in sechs Monaten wieder nachsehen werde. Die Entscheidung, die diese Woche bei dir liegt, hängt davon aber nicht ab. Sie steht in einer Tabelle, sie kostet ungefähr 15 Euro pro Person, und sie dauert eine halbe Stunde.