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Anthropic hat sich am Dienstag für 20 Jahre gebunden. Mein Vertrag mit ihnen endet zum Monatsende.

Am Dienstagmorgen lag in meinem Feed eine Meldung über einen Bitcoin-Miner aus Texas, und ich war schon am Weiterscrollen. Hängengeblieben bin ich an einer Zahl, die mit Bitcoin nichts zu tun hat: zwanzig Jahre.

Weitläufiges Umspannwerk mit Stahlgittermasten, Isolatorketten und Freileitungen im Abendlicht

Wer sich hier anschließen lässt, denkt nicht in Quartalen. Foto: Kris Møklebust auf Pexels

Mein Take: Riot Platforms hat am 11. August einen Mietvertrag über 191 Megawatt an seinem Standort Rockdale in Texas gemeldet. Laufzeit zwanzig Jahre, 9,1 Milliarden Dollar Umsatz über die Zeit. In der Mitteilung steht nur „führendes Frontier-KI-Unternehmen”, Bloomberg schreibt, es ist Anthropic. Einen Tag davor hat Nvidia sechs der größten Kapitalsammelstellen der Welt an einen Tisch geholt, um über 500 Milliarden Dollar für KI-Rechenzentren zu mobilisieren. Diese Leute planen bis 2046. Mein Vertrag mit demselben Anbieter ist zum Monatsende kündbar, und ich habe das lange für die bequemere Seite gehalten. Seit Dienstag halte ich es für die schlechter informierte.

Zwei Meldungen, ein Zeitraum

Kurz die Fakten. Riot Platforms, bis vor Kurzem vor allem als Bitcoin-Miner bekannt, vermietet 191 Megawatt IT-Leistung in Rockdale. Die Kapazität kommt in zwei Tranchen: 96 Megawatt im Dezember 2027, weitere 95 im Juni 2028. Über die volle Laufzeit sind das 9,1 Milliarden Dollar, mit zwei Verlängerungsoptionen von je fünf Jahren rund 16,1 Milliarden. Die Riot-Aktie sprang am Meldungstag um über 20 Prozent. Den Mieter hat das Unternehmen selbst nicht genannt, Bloomberg nennt Anthropic.

Am 10. August hat Nvidia Absichtserklärungen mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR veröffentlicht. Über eigenständige Finanzierungsplattformen sollen mehr als 500 Milliarden Dollar Drittkapital in KI-Rechenzentren fließen. Zur Einordnung gehört dazu: Das Geld ist noch nicht geflossen, die endgültigen Verträge stehen aus. Trotzdem sagt die Konstruktion etwas. Wer Kreditlinien in dieser Größenordnung aufsetzt, rechnet nicht mit zwei guten Quartalen.

Das Datum, auf das keiner geschaut hat

An dem Riot-Vertrag ist mir etwas anderes hängengeblieben als die Milliardensumme: Dezember 2027. So lange dauert es, bis die erste Hälfte dieser Kapazität überhaupt am Netz ist. Die zweite kommt ein halbes Jahr später. Im Umkehrschluss heißt das, die Rechenleistung, die den Preis stützt, den ich heute für Tokens bezahle, existiert noch gar nicht. Ich finanziere sie mit.

An sich ist das nichts Ungewöhnliches, so funktioniert Infrastruktur. Bei Strom und Glasfaser akzeptieren wir das seit Jahrzehnten. Nur unterschreiben wir dort auch Verträge mit Laufzeit. In der KI zahlen wir Infrastrukturpreise und bekommen dafür Software-Kündigungsfristen. Diese Asymmetrie fühlt sich als Kunde gut an, und ich glaube inzwischen, dass sie in die falsche Richtung wirkt.

Ich zahle für ein Rechenzentrum, das im Dezember 2027 ans Netz geht, und darf jeden Monat kündigen. Nur eine der beiden Seiten plant hier.

Was ich vergangene Woche in unseren eigenen Verträgen gefunden habe

Vergangene Woche habe ich für die Halbjahresplanung aufgeschrieben, welche KI-Dienste bei uns unter Vertrag stehen. Es sind sieben. Alle sieben monatlich kündbar, keiner mit Preisbindung, sechs davon auf Kreditkarte. Auf dem Papier bin ich damit maximal beweglich. Praktisch hängen an zwei dieser Dienste vierzehn Monate Arbeit: Prompts, die wir für unsere Textsorten kalibriert haben, ein Freigabeprozess, den unsere Leute im Schlaf können, zwei Kundenprojekte mit Abnahmekriterien, die auf das Verhalten eines bestimmten Modells zugeschnitten sind. Die Kündigungsfrist beträgt dreißig Tage. Der tatsächliche Wechsel würde uns ein Quartal kosten.

Bei einem Kunden im Frühjahr habe ich dieselbe Rechnung in größer gesehen. Maschinenbauer, gut 300 Leute, KI-gestützte Angebotserstellung, monatlicher Vertrag über ein paar tausend Euro. Auf die Frage, was bei einer Preiserhöhung von vierzig Prozent passiert, kam eine ruhige Antwort: dann kündigen wir. Auf die Nachfrage, wer dann die Angebote schreibt, kam keine.

Zwei Sachen habe ich seitdem geändert. Für unsere beiden kritischen Dienste habe ich den Ernstfall einmal geprobt und Prompts, Trainingsbeispiele und Freigabekriterien exportiert und in ein anderes Modell gekippt, um zu sehen, was übrig bleibt. Brauchbar war das Ergebnis, der Aufwand lag bei zwei Tagen. Und bei jeder Verlängerung frage ich jetzt nach einer Preisbindung über zwölf Monate, auch wenn sie ein paar hundert Euro extra kostet. Bei einem Anbieter ging das, bei zwei anderen nicht, und die Begründungen für das Nein waren aufschlussreicher als jeder Preis.

Praktischer Hebel: Schreib hinter jeden KI-Posten in deiner Kostenaufstellung eine zweite Zahl: was dich eine Preiserhöhung um vierzig Prozent im Jahr kosten würde. Wo du trotzdem zahlen würdest, ist der Posten eine Abhängigkeit und gehört auf die Risikoliste. Für die Rechenbasis haben wir die Token-Kosten und Sparhebel gestern im Magazin aufgeschlüsselt.

Wo ich mich selbst bremse

Man kann die zwei Meldungen als Blasenbeleg lesen. Absurde Summen, ein Bitcoin-Miner, der sich über Nacht zum Rechenzentrumsbetreiber erklärt, Investmentbanken, die Kreditpakete schnüren. Der Gedanke liegt nahe, ich halte ihn trotzdem für schwach. Wer eine Blase reitet, mietet kurz. Zwanzig Jahre Netzanschluss in Texas unterschreibt man, wenn man mit sehr langer Nachfrage rechnet und fürchtet, sonst gar keinen Strom mehr zu bekommen. Knapp ist in dieser Branche gerade der Netzanschluss, nicht der Chip.

Und aus dem Vertrag lässt sich nicht ablesen, wohin mein Preis läuft. Was Riot einnimmt, ist etwas anderes als das, was Anthropic pro Token kalkuliert. Fixe Stromkosten über zwanzig Jahre können einen Preis auch stabilisieren, das wäre die gute Variante. Sagen lässt sich nur: Der Anbieter hat seine Kostenseite für zwei Jahrzehnte festgezurrt, meine Einnahmenseite ist für dreißig Tage festgezurrt. Wer in dieser Aufstellung mehr Planungssicherheit hat, muss ich niemandem vorrechnen.

Ich habe Kunden jahrelang geraten, sich bei Software auf keinen Fall länger als ein Jahr zu binden. Für Software war das richtig. Was wir hier einkaufen, ist längst Infrastruktur, und den Unterschied habe ich zu spät gesehen. Wie sich diese Kostenseite bei einem Börsengang weiterdreht, habe ich im Juni am Anthropic-IPO durchgespielt.

In zwei Sätzen: Anthropic bindet sich in Texas zwanzig Jahre an Strom und Fläche, während dein Vertrag beim selben Anbieter zum Monatsende ausläuft, und diese Asymmetrie liest sich nur auf dem Papier zu deinen Gunsten. Rechne vor der nächsten Verlängerung eine Stunde lang durch, was ein Wechsel dich wirklich kosten würde: Lautet die Antwort ein Quartal, schützt dich die monatliche Kündbarkeit nicht, sie beruhigt dich nur.
Florian Wessling, CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg
CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg

Florian Wessling ist CEO der Collective Brain GmbH in Hamburg und bringt seit über 15 Jahren Marken, Content-Strategie und KI-gestütztes Marketing in Mittelstand und Konzerne. Was Collective Brain verkauft, betreibt er zuerst selbst: Sechs eigene KI-Marken dienen als Testfeld, von der automatisierten Content-Pipeline bis zum täglich aktualisierten AI Leaderboard. Er ist eingetragener BAFA-Berater und führt mit Collective Brain eine Google-Partner-Agentur.