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Claude-Konten gehackt: Infostealer stehlen Sitzungen, Anthropic löscht Zahlungsdaten

Anthropic hat in den vergangenen Tagen Claude-Konten zwangsweise abgemeldet und die dort hinterlegten Zahlungsmittel gelöscht. Der Grund steht in einer Mail an die Betroffenen: Schadsoftware auf ihren Rechnern hat aktive Claude-Sitzungen mitgenommen, Fremde haben damit gearbeitet und das Nutzungskontingent verbraucht. Wer Claude im Betrieb einsetzt, hat damit zwei Baustellen, eine beim Anbieter und eine auf dem eigenen Notebook.

Monitor mit grünem Konsolentext neben einer beleuchteten Tastatur in einem abgedunkelten Raum

Auf dem Bildschirm steht, dass die Übertragung durch ist. So unspektakulär läuft der Diebstahl einer Browser-Sitzung ab. Foto: Rafael Minguet Delgado auf Pexels

Der Vorfall, kurz gefasst: Anthropic hat betroffene Claude-Nutzer per Mail informiert, ihre Sitzungen widerrufen, gespeicherte Zahlungsmittel entfernt und Abbuchungen erstattet, die es als unberechtigt erkannt hat. Ursache ist Schadsoftware auf den Geräten der Nutzer, genannt werden Vidar, LummaC2, StealC, RedLine und Acreed unter Windows sowie Atomic Stealer bei einer kleineren Zahl von Macs. Die Systeme von Anthropic selbst waren nach Darstellung des Unternehmens nicht betroffen. Eine öffentliche Meldung dazu gibt es bislang nicht, die Information lief per Mail an die Betroffenen. Wie viele Konten betroffen sind, sagt Anthropic nicht.

Was Anthropic gemacht hat

Der Ablauf ist in der Mail knapp beschrieben. Anthropic hat die betroffenen Sitzungen widerrufen, wodurch sich alle Geräte neu anmelden müssen. Es hat die gespeicherten Zahlungsmittel aus den Konten entfernt, damit über die fremde Sitzung nichts weiter gekauft werden kann. Abbuchungen, die es als unberechtigt identifiziert hat, wurden erstattet. Der gebuchte Plan läuft bis zum Ende der laufenden Abrechnungsperiode weiter, die Zahlungsdaten muss man danach selbst wieder eintragen.

Diese drei Schritte erklären, warum viele Firmen den Vorfall zuerst als Störung wahrgenommen haben. Am Montagmorgen steht der Zugang, aber die Karte fehlt, und niemand im Team weiß, warum. Der Verbrauch selbst fällt oft schon vorher auf, weil das Kontingent zu schnell leerläuft. Anthropic nennt genau dieses Muster als Erkennungsmerkmal.

If your usage limits looked like they refilled and then drained while you weren’t using Claude, this was likely the cause.

Anthropic, Mail an betroffene Nutzerinnen und Nutzer, 30. August 2026

Wer nachvollziehen will, wie sich verbrauchtes Kontingent in Kosten übersetzt, findet die Mechanik im Detail in unserer Erklärung zu den Claude Usage Credits. Für die Frage, wie schnell ein Konto überhaupt leerläuft, ist die Modellwahl der größte Hebel, nachzulesen in der Kostenrechnung für die Claude API.

Was das konkret bedeutet: Eine erzwungene Abmeldung mit verschwundenem Zahlungsmittel deutet in diesem Fall auf Schadsoftware auf einem Gerät im Haus hin. Die Abmeldung behebt das Symptom. Das Gerät bleibt das Problem.

Warum der zweite Faktor hier nicht greift

Ein Infostealer sammelt alles ein, was im Browserprofil liegt, und dazu gehören die Sitzungs-Cookies. Ein solches Cookie ist der Nachweis, dass die Anmeldung bereits stattgefunden hat. Wer es kopiert und in einen eigenen Browser einsetzt, meldet sich nicht an, sondern setzt eine bestehende Anmeldung fort. Passwort und Einmalcode werden dabei nie abgefragt, weil der Anmeldevorgang gar nicht stattfindet.

Das ist der Punkt, an dem die übliche Beruhigung ins Leere läuft. Zwei-Faktor-Anmeldung schützt den Moment der Anmeldung. Sie schützt nicht das, was danach im Browser liegt. Genau deshalb steht in den Empfehlungen die Reinigung des Geräts vor dem Passwortwechsel und nicht danach.

Die genannten Familien sind keine Exoten. RedLine wurde im Oktober 2024 durch eine internationale Polizeiaktion zerschlagen, Lumma folgte im Mai 2025 mit über 2.300 abgeschalteten Domains. Beide Lücken haben Nachfolger gefüllt, allen voran Acreed, das laut Infosecurity Magazine innerhalb kurzer Zeit zur meistgenutzten Variante in den einschlägigen Handelsplätzen aufgestiegen ist. Der Markt für gestohlene Zugangsdaten wächst also weiter, während einzelne Anbieter darin verschwinden.

Was am Firmenkonto dranhängt

Bei einem privaten Konto endet der Schaden meist beim verbrauchten Kontingent. Bei einem Firmenkonto hängt an derselben Sitzung erheblich mehr. Wer sie übernimmt, sieht den kompletten Verlauf, die angelegten Projekte und die hochgeladenen Dateien. In vielen Häusern liegen dort Angebote, Kalkulationen, Bewerbungsunterlagen oder Auszüge aus dem CRM.

Damit wird aus dem IT-Vorfall ein Datenschutzvorfall. Sobald in den Unterhaltungen personenbezogene Daten stecken, greift Artikel 4 Nummer 12 DSGVO, und ab Kenntnis läuft die 72-Stunden-Frist aus Artikel 33. Ob am Ende gemeldet wird, hängt von der Risikoeinschätzung ab. Dass diese Einschätzung dokumentiert vorliegt, hängt nicht davon ab. Welche Datenkategorien überhaupt in ein Chatfenster gehören und wie man das im Team regelt, steht in unserem Leitfaden zur DSGVO-konformen Claude-Einführung.

Der zweite Punkt betrifft die Kontostruktur. Ein geteiltes Konto, an dem fünf Leute hängen, vervielfacht die Angriffsfläche, weil jedes einzelne Notebook zum Einfallstor wird. Firmen mit sauber getrennten Nutzerkonten trifft es an einer Stelle statt an allen. Welche Planstufe ab welcher Teamgröße sinnvoll ist, haben wir im Vergleich von Claude Team und Claude Enterprise durchgerechnet.

Das Wichtigste in zwei Sätzen: Gestohlene Sitzungs-Cookies öffnen ein Claude-Konto ohne Passwort und ohne Einmalcode, weshalb Anthropic betroffene Nutzer abgemeldet und ihre Zahlungsmittel entfernt hat. Die Ursache liegt auf den Geräten der Nutzer, dort muss die Bereinigung ansetzen, bevor jemand neue Zugangsdaten vergibt.

Was heute auf die Liste gehört

Die erste Prüfung dauert zwei Minuten und lohnt sich für jedes Konto im Haus. Unter Einstellungen, Konto, Abschnitt Aktive Sitzungen listet Claude jede laufende Sitzung mit Browser, Betriebssystem, ungefährem Ort nach IP-Adresse und Zeitpunkt der letzten Aktivität auf. Die eigene Sitzung ist markiert. Alles, was dort nicht zuzuordnen ist, lässt sich über das Dreipunkt-Menü beenden.

Findet sich ein fremder Eintrag, kommt das Gerät an die Reihe, und zwar vor allem anderen. Das BSI empfiehlt bei bestätigtem Schadprogramm-Befall, das System neu aufzusetzen, weil viele Schädlinge tief eingreifen und sich nicht zuverlässig entfernen lassen. Erst danach werden die Passwörter neu vergeben, beginnend beim E-Mail-Konto, weil darüber alle weiteren Zurücksetzungen laufen. Zum Schluss die Zahlungsdaten wieder eintragen und die Abrechnung der letzten Wochen gegenlesen.

Für Teams gibt es zusätzlich eine Stellschraube, die bislang wenig genutzt wird. Admins und Owner von Enterprise-Plänen sowie Console-Admins können eine maximale Sitzungsdauer erzwingen, wählbar sind 1, 7, 14 oder 28 Tage für Enterprise und 1, 3 oder 7 Tage für die Console. Danach ist eine neue Anmeldung fällig, unabhängig davon, wie aktiv jemand arbeitet. Ein gestohlenes Cookie verfällt damit spätestens nach der eingestellten Frist. Gehört ein Nutzer zu mehreren Organisationen, gilt die kürzeste dort hinterlegte Dauer.

Wer heute nur eine Sache tun will: Lasst jeden im Team einmal die aktive Sitzungsliste im Claude-Konto öffnen und alles beenden, was er nicht selbst gestartet hat. Weitere Bausteine für den Betrieb von Claude im Unternehmen sammeln wir laufend im Claude-Hub.

Häufige Fragen

Wurde Anthropic gehackt?

Nein. In der Mail an die Betroffenen schreibt Anthropic, es gebe keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Schadsoftware mit Claude zusammenhängt, über Claude installiert wurde oder mit irgendetwas zu tun hat, das jemand in Claude getan hat. Der Angriffsweg lief über die Rechner der Nutzer. Dort hat ein Infostealer die Sitzungsdaten aus dem Browser abgegriffen, mit denen sich das Konto danach ohne Passwort öffnen ließ.

Woran merke ich, dass mein Claude-Konto betroffen war?

Das deutlichste Zeichen nennt Anthropic selbst: Wenn das Nutzungslimit sich auffüllt und danach leerläuft, ohne dass jemand im Team mit Claude gearbeitet hat, ist wahrscheinlich eine fremde Sitzung aktiv. Der zweite Hinweis ist eine erzwungene Abmeldung samt entferntem Zahlungsmittel. Nachsehen lässt sich das unter Einstellungen, Konto, Abschnitt Aktive Sitzungen. Dort stehen Browser, Betriebssystem, ungefährer Ort nach IP-Adresse und der Zeitpunkt der letzten Aktivität.

Reicht es, das Passwort zu ändern?

Nein, und die Reihenfolge ist wichtig. Anthropic weist darauf hin, dass die Abmeldung die gestohlenen Sitzungen beendet, die Schadsoftware auf dem Rechner aber nicht entfernt. Solange sie läuft, wird die nächste Anmeldung auf demselben Weg abgegriffen. Das BSI empfiehlt bei einem bestätigten Befall, das System neu aufzusetzen und erst danach die Passwörter zu ändern, beginnend mit dem E-Mail-Konto.

Was gilt für Team- und Enterprise-Konten?

Bei geteilten Zugängen hängt an einer gestohlenen Sitzung der gesamte Verlauf, inklusive Projekten und hochgeladenen Dateien. Admins und Owner von Enterprise-Plänen sowie Console-Admins können in den Sicherheitseinstellungen eine maximale Sitzungsdauer festlegen. Für Enterprise stehen 1, 7, 14 oder 28 Tage zur Wahl, für die Console 1, 3 oder 7 Tage. Gehört jemand zu mehreren Organisationen, greift die kürzeste eingestellte Dauer.

Muss ich den Vorfall der Datenschutzbehörde melden?

Das hängt vom Inhalt der Unterhaltungen ab. Steckten dort personenbezogene Daten, ist der Zugriff durch Dritte eine Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten nach Artikel 4 Nummer 12 DSGVO. Ab Kenntnis läuft dann die 72-Stunden-Frist aus Artikel 33, es sei denn, die Verletzung führt voraussichtlich zu keinem Risiko für die betroffenen Personen. Diese Einschätzung gehört dokumentiert, auch wenn sie gegen eine Meldung ausfällt.

Quellen & Referenzen

  • Anthropic Help Center: Aktive Sitzungen einsehen und beenden, mit Browser, Betriebssystem, ungefährem Ort nach IP-Adresse und letzter Aktivität. support.claude.com
  • Anthropic Help Center: Maximale Sitzungsdauer für Enterprise-Admins und Console-Admins, 1, 7, 14 oder 28 Tage beziehungsweise 1, 3 oder 7 Tage, kürzeste Einstellung gewinnt. support.claude.com
  • Anthropic Help Center: Abmeldung von allen aktiven Sitzungen über Einstellungen und Konto. support.claude.com
  • Security Affairs: Wortlaut der Anthropic-Mail, Liste der sechs Schadsoftware-Familien und die Maßnahmen Abmeldung, Entfernung der Zahlungsmittel und Erstattung. securityaffairs.com
  • Search Engine Journal: Einordnung, dass nur Desktop-Geräte betroffen sind und dass Anthropic einen Einbruch in die eigenen Systeme ausschließt. searchenginejournal.com
  • Notebookcheck: deutsche Berichterstattung zum Vorfall, unter anderem zum Fehlen einer öffentlichen Stellungnahme mit Zahlen. notebookcheck.com
  • Infosecurity Magazine: Aufstieg von Acreed nach der Lumma-Abschaltung im Mai 2025 mit über 2.300 beschlagnahmten Domains. infosecurity-magazine.com
  • BSI: Checkliste für den Ernstfall bei Schadprogramm-Befall, Empfehlung zum Neuaufsetzen des Systems und zur Reihenfolge beim Passwortwechsel. bsi.bund.de
Florian Wessling, CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg
CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg

Florian Wessling ist CEO der Collective Brain GmbH in Hamburg und bringt seit über 15 Jahren Marken, Content-Strategie und KI-gestütztes Marketing in Mittelstand und Konzerne. Was Collective Brain verkauft, betreibt er zuerst selbst: Sechs eigene KI-Marken dienen als Testfeld, von der automatisierten Content-Pipeline bis zum täglich aktualisierten AI Leaderboard. Er ist eingetragener BAFA-Berater und führt mit Collective Brain eine Google-Partner-Agentur.