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Brüssel hat uns sechzehn Monate geschenkt. Ich habe am Dienstag trotzdem angefangen, unsere Agenten aufzuschreiben.

Am Montagmorgen stand die Meldung im Feed, dass die Hochrisiko-Pflichten des AI Act um sechzehn Monate nach hinten rutschen. Meine erste Reaktion war Erleichterung. Die zweite kam zehn Minuten später, als ich versucht habe, unsere eigenen KI-Agenten aufzuzählen, und bei Nummer sieben ins Stocken kam.

Wand aus vielen beschrifteten Holzschubladen eines alten Karteikastens

Das unspektakulärste Dokument im ganzen Projekt, und das einzige, ohne das der Rest nicht funktioniert. Foto: cottonbro studio auf Pexels

Mein Take: Der Digital Omnibus on AI ist am 27. Juli in Kraft getreten und schiebt die Hochrisiko-Pflichten für eigenständige Systeme auf den 2. Dezember 2027. Zwölf Tage vorher hatten SAP und Oxford Economics eine Zahl veröffentlicht, die in derselben Woche viel weniger Aufmerksamkeit bekommen hat: 34 Prozent der befragten Unternehmen führen kein zentrales Verzeichnis ihrer KI-Agenten. Deutsche Firmen planen im Schnitt 35 Millionen Euro KI-Investitionen. Der Aufschub verschiebt eine Nachweispflicht um sechzehn Monate. Die fehlende Liste blockiert die Rendite, die für 2027 schon im Plan steht.

Sechzehn Monate, in Kraft seit dem 27. Juli

Kurz die Fakten, weil in den letzten Tagen einiges durcheinandergeht. Der Digital Omnibus on AI verschiebt die Pflichten für eigenständige Hochrisiko-Systeme nach Anhang III vom 2. August 2026 auf den 2. Dezember 2027. Für KI, die in regulierte Produkte eingebaut ist, geht es bis zum 2. August 2028. Das Europäische Parlament hatte das Paket am 16. Juni gebilligt, der Rat am 29. Juni final zugestimmt, seit dem 27. Juli gilt es.

Was dabei ausdrücklich nicht verschoben wurde: die Transparenzpflichten aus Artikel 50. Die gelten seit vorgestern. Ein Chatbot muss sich als Maschine zu erkennen geben, generierte Texte, Bilder und Videos müssen maschinenlesbar als künstlich erzeugt markiert sein. Auch die Schulungspflicht aus Artikel 4 steht unverändert. In Deutschland wird die Bundesnetzagentur zentrale Marktüberwachungsbehörde, das KI-Durchführungsgesetz hat am 10. Juli den Bundesrat passiert.

In drei Calls seit Montag habe ich denselben Halbsatz gehört: dann haben wir ja Zeit. Ich verstehe den Reflex. Wer seit anderthalb Jahren Konformitätsbewertungen vorbereitet, für die es noch keine harmonisierten Normen gibt, atmet zu Recht durch. Nur ist in denselben Gesprächen nie die Frage gefallen, wie viele Agenten im eigenen Haus überhaupt laufen.

Die Zahl aus der SAP-Studie, auf die keiner geschaut hat

Am 15. Juli haben SAP und Oxford Economics den Value of AI Report 2026 veröffentlicht, 2.600 Führungskräfte aus 13 Ländern, davon 200 aus Deutschland. Die Schlagzeile war die gute Nachricht: Deutsche Unternehmen erwarten für 2026 einen ROI von 24 Prozent nach 17 Prozent im Vorjahr, und sie planen im Schnitt 35 Millionen Euro Investitionen, deutlich über dem globalen Durchschnitt von 24 Millionen.

Bei den Agenten wird es dann sportlich. Neun von zehn Befragten sehen darin transformatives Potenzial, und der erwartete Ertrag aus agentischer KI liegt in zwei Jahren bei knapp 18 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 4 Millionen. Die Erwartung hat sich also mehr als vervierfacht.

Vier Prozent fühlen sich vollständig darauf vorbereitet.

Der Rest der Studie erklärt, woran es hakt, und die Punkte sind unspektakulär bis zur Peinlichkeit. 57 Prozent haben keinen definierten Prozess für menschliche Kontrolle. Bei einem Drittel fehlen Zugriffskontrollen. Und 34 Prozent können nicht zentral nachschlagen, welche Agenten bei ihnen laufen.

Was auf keiner Liste steht, lässt sich im Zweifel auch nicht abschalten.

Was seit Dienstag bei uns in der Tabelle steht

Ich habe mir zwei Stunden geblockt und eine Tabelle mit sechs Spalten gebaut. Was macht das Ding, auf welche Systeme greift es zu, wer hat es gebaut, wer darf es abschalten, seit wann läuft es, wann hat zuletzt jemand reingeschaut. Keine Software, einfach eine Tabelle.

Nach den zwei Stunden standen elf Einträge drin. Meine Schätzung vorher lag bei sieben. Zwei der vier Nachzügler liefen noch über Zugänge von Leuten, die längst an anderen Projekten sitzen. Das war der Moment, in dem mir die 33-Prozent-Zahl aus der Studie deutlich weniger abstrakt vorkam.

Bei einem Kunden habe ich dieselbe Übung im Frühjahr begleitet, Handelsunternehmen, etwa 140 Leute. Dort zog ein Skript zweimal täglich Wettbewerbspreise und schrieb sie in die Kalkulation. Gebaut hatte es eine Werkstudentin, die im Sommer davor fertig geworden war. Niemand im Haus konnte sagen, welche Quellen das Ding abfragt. Abgeschaltet wurde es trotzdem nicht, weil der Einkauf inzwischen darauf plante. Ein Preisbestandteil in der Kalkulation hing damit an einem undokumentierten Skript, dessen Funktionsweise nur noch als Kaffeeküchen-Wissen existierte.

Praktischer Hebel: Blocke dir zwei Stunden und schreib jeden Automatismus auf, der bei euch Text erzeugt, Daten aus einem System zieht oder eine Freigabe ersetzt. Wird die Liste länger als deine Schätzung, hast du den Grund für die Übung schon gefunden.

Wo der Aufschub tatsächlich hilft

Ich halte die Verschiebung für vertretbar. Die harmonisierten Normen, gegen die Unternehmen ihre Konformität hätten nachweisen sollen, waren zum Stichtag schlicht nicht fertig. Wer in dieser Lage zur Bewertung zwingt, bekommt Ordner statt Sicherheit. Sechzehn Monate mehr sind für die Anhang-III-Fälle die richtige Entscheidung, und die allermeisten Mittelständler, mit denen ich rede, haben ohnehin kein einziges Hochrisiko-System im Sinne der Verordnung.

Genau deshalb ärgert mich der Kurzschluss, den ich diese Woche höre. Der Aufschub betrifft die Nachweispflicht gegenüber einer Behörde. Er ändert nichts daran, dass ein Agent ohne Eigentümer im Urlaub des Falschen zum Problem wird.

Und ich bin da kein Vorbild. Ich habe im Juni an dieser Stelle geschrieben, dass Agenten-Governance an der Frage hängt, was ein Agent allein entscheiden darf. Das halte ich weiterhin für richtig. Nur habe ich damals stillschweigend vorausgesetzt, dass man die Agenten kennt, über die man diese Frage stellt. Bei uns waren es vier mehr als gedacht, und das in einer Firma, die Kunden zu genau diesem Thema berät.

In zwei Sätzen: Der Digital Omnibus verschiebt die Hochrisiko-Pflichten auf Dezember 2027, und wer das Thema deshalb komplett vertagt, riskiert die Agenten-Rendite, die er für 2027 bereits eingeplant hat. Zwei Stunden Tabelle sind der billigste Teil eines Projekts, das ihr sowieso vorhabt.
Florian Wessling, CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg
CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg

Florian Wessling ist CEO der Collective Brain GmbH in Hamburg und bringt seit über 15 Jahren Marken, Content-Strategie und KI-gestütztes Marketing in Mittelstand und Konzerne. Was Collective Brain verkauft, betreibt er zuerst selbst: Sechs eigene KI-Marken dienen als Testfeld, von der automatisierten Content-Pipeline bis zum täglich aktualisierten AI Leaderboard. Er ist eingetragener BAFA-Berater und führt mit Collective Brain eine Google-Partner-Agentur.