Montagabend, 19 Uhr. Ich habe mir die WWDC-Keynote live angeschaut. Siri AI sah aus wie das, was Apple seit zehn Jahren hätte bauen sollen. Dann kam der Satz, der mich nicht losgelassen hat: „Not available in the EU at launch.”

Ein Stopp-Zeichen hinter Folie: Siri AI ist da, nur nicht für uns. Foto: MART PRODUCTION auf Pexels
Was Apple am Montag gezeigt hat
Ein kurzer Faktenstand für alle, die die Keynote nicht gesehen haben.
Siri AI ist kein Facelifting. Apple hat den Assistenten von innen neu entwickelt, mit einem eigenen Modell, das teilweise direkt auf dem Gerät läuft. Es greift auf Daten aus Mail, Nachrichten, Fotos und Kalender zu, ohne jeden Umweg über einen Cloud-Dienst für die lokale Verarbeitung. Du kannst Siri AI mitten in einem Telefonat fragen, was du letzte Woche mit dieser Person besprochen hast. Es zieht die relevante Mail heraus, fasst sie zusammen, bucht den Folgetermin, und das alles in einem Gesprächsfluss.
Das ist das, was Nutzer seit Jahren wollten: ein Assistent, der versteht, was gerade in ihrem Leben passiert. Nicht einer, der Suchmaschinen-Ergebnisse vorliest.
Auf Macs, Apple Watches und Vision Pro kommt Siri AI auch in der EU. Auf iPhone und iPad bleibt die Oberfläche leer.
Drei Worte und ein Streit, der schon länger brodelt
Apple hat bei der EU-Kommission beantragt, für mindestens 18 Monate von Teilen des Digital Markets Act ausgenommen zu werden. Der DMA verpflichtet Apple, anderen KI-Assistenten denselben systemnahen Zugang zu geben, den Siri hat. Drittanbieter sollen theoretisch genauso tief ins Betriebssystem integriert werden können wie Apples eigener Assistent.
Apple argumentiert, sein „Trusted OS Agent” würde KI-Verarbeitung in einer abgeschirmten Umgebung laufen lassen und Datenschutz sichern. Die EU-Kommission lehnte den Antrag ab. Ihr Argument: eine Ausnahme für Apple würde bedeuten, dass kein anderer KI-Assistent dieselbe Chance hätte, von iPhone-Nutzern aktiv gewählt zu werden. Das widerspricht dem Kern des DMA.
Apple daraufhin: ohne Ausnahme kein Siri AI in der EU, kein Datum, kein Versprechen.
Apple verpackt eine Wettbewerbsentscheidung als Datenschutzproblem. Das ist eine bekannte Taktik.
Was das für dich konkret bedeutet
Wenn dein Team iPhones nutzt, ändert sich im Arbeitsalltag erst einmal nichts. ChatGPT, Claude und Perplexity funktionieren auf dem iPhone wie vorher. Kein Zugang wird gesperrt, keine App verschwindet.
Was fehlt, ist die Integration. Der Assistent, der ohne App-Wechsel auf deine Mails zugreift, deinen Kontext kennt und mitdenkt, während du ein Gespräch führst. Das ist ein Reibungsunterschied, kein Grundsatzproblem. Aber er summiert sich.
Ich sehe das bei Kunden, die täglich zwischen vier Tools wechseln, Kontext verlieren, nochmal nachschlagen. Genau das hätte Siri AI angehen können. Diese Reibung bleibt. Und ich habe keine gute Prognose, wann das aufhört.
Die Seite, die ich an Apple nicht mag
Ich will fair sein. Der DMA stellt echte technische Fragen. Wie öffnet man einen systemnahen KI-Agenten für Drittanbieter, ohne Sicherheitsrisiken einzugehen? Das ist kein triviales Problem.
Aber Apple hat in den letzten Jahren ein Muster gezeigt: Wenn europäische Regulierung unbequem wird, wird sie öffentlich als Blockade inszeniert, die Europa selbst schadet. Sideloading. App-Store-Alternativen. Jetzt Siri AI. Das Kommunikationsmuster ist jedes Mal dasselbe.
Die EU-Kommission sagt, Apple könnte Siri AI ausrollen und gleichzeitig Drittanbieter-Assistenten systemnahe Zugänge geben. Die Entscheidung, das nicht zu tun, ist Apples Entscheidung, keine DMA-Folge. Ein Sprecher der Kommission sagte nach der WWDC-Ankündigung, EU-Recht sei nicht verhandelbar. Das ist klar. Aber es bedeutet auch: Die EU biegt sich nicht. Und Apple auch nicht.
Bis dahin zahlen wir denselben Preis und bekommen weniger Produkt.