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89 Prozent in zwei Händen. Und dein KI-Stack hängt an beiden.

Letzte Woche saß ich im Call mit einem Maschinenbauer aus Niedersachsen, der mir stolz erzählte: „Wir haben jetzt einen Vendor-Vertrag mit OpenAI.” Ich habe nur eine Frage gestellt: „Und was ist Ihr Plan B?” Drei Sekunden Stille. Dann, ehrlich: „Den haben wir nicht.” Drei Tage später lieferte The Information die Zahl, die genau diesen Reflex erklärt.

Server in einem Rechenzentrum in blauem Licht, Symbolbild für KI-Infrastruktur und den Anthropic-OpenAI-Stack

89 Prozent aller KI-Startup-Umsätze landen bei zwei US-Firmen. Wer jetzt seinen Stack baut, baut auf einem Duopol. Foto: Panumas Nikhomkhai auf Pexels

Mein Take: Der KI-Markt ist diese Woche endgültig ein Duopol geworden. Zwei US-Firmen halten 89 Prozent der Startup-Umsätze, Anthropic schreibt erstmals schwarze Zahlen und verkauft fertige Agenten ins kleine Unternehmen. Das ist keine Tech-Nachricht, das ist eine Vertragsfrage für dich. Wer jetzt seinen ganzen Stack an einen Anbieter hängt, verkauft seine Verhandlungsmacht, bevor der erste Use-Case überhaupt läuft.

Zwei Firmen, 89 Prozent

Die Zahl ist sauber recherchiert, und genau das macht sie unbequem. The Information hat die Umsätze von 34 führenden KI-Startups ausgewertet: knapp 80 Milliarden Dollar Jahresumsatz, plus 112 Prozent in einem halben Jahr. Von diesen 80 Milliarden gehen 89 Prozent an zwei Firmen. Anthropic liegt mit 34,4 Prozent vorne, OpenAI bei 32,3. Der ganze Rest, von Mistral über Cohere und Aleph Alpha bis Perplexity, teilt sich elf Prozent.

Dazu kommt der Rest der Woche. Anthropic meldet für das zweite Quartal 10,9 Milliarden Dollar Umsatz, plus 130 Prozent zum Vorquartal, und zum ersten Mal in der Firmengeschichte operativen Gewinn, 559 Millionen Dollar. Parallel kam „Claude for Small Business”, ein Paket mit 15 fertigen Agenten, die direkt an QuickBooks, HubSpot und Canva andocken. Und Microsoft hat Anfang Mai Word, Excel und PowerPoint für Claude geöffnet, also sichtbar die OpenAI-Exklusivität aufgebrochen. Kurz: Die zwei Großen werden gerade noch größer, und sie kommen jetzt direkt ins kleine Unternehmen.

Das ist keine Statistik, das ist eine Vertragsfalle

Ich höre seit einem Jahr in fast jedem Gespräch denselben Satz: „Wir nutzen ChatGPT.” Punkt. Kein zweiter Anbieter, kein Plan B, kein Fallback. Auf die Frage warum, kommt fast immer: „Das Team hat sich dran gewöhnt.” Das ist gerade der teuerste Satz, den ein Unternehmer sagen kann.

Denn wenn ein Markt so konzentriert ist, diktieren zwei Anbieter die Regeln: Preise, Schnittstellen, was mit deinen Daten passiert, was die Modelle ausgeben dürfen. Beide sitzen in den USA, beide fallen unter den CLOUD Act, beide haben ihre Preise im letzten Jahr mindestens einmal spürbar angehoben. Wer heute alles auf einen von beiden setzt, unterschreibt einen Vertrag, bei dem die Verhandlungsmacht in fünf Jahren komplett auf der anderen Seite des Tisches sitzt.

89 Prozent ist keine Marktbeobachtung. Es ist eine Warnung: Deine Verhandlungsmacht ist verkauft, bevor der erste Use-Case live ist.

Die elf Prozent sind dein wichtigster Hebel

Die elf Prozent, die nicht bei Anthropic oder OpenAI liegen, klingen nach Restmarkt. In der Praxis sind sie deine Versicherung. Mistral Medium 3.5 als Open-Weight-Modell, Llama 4 von Meta, DeepSeek V3.5, dazu Spezialisten wie Voyage AI für Embeddings oder Groq für extrem schnelle Antworten. Das ist kein Beiwerk, das ist deine strategische Reserve.

Wie das konkret aussieht: Bei einem Industriedienstleister aus dem Ruhrgebiet haben wir vor sechs Wochen einen simplen Routing-Layer eingezogen. Vertriebs-Mails laufen über Claude, das schreibt das beste Deutsch. Kalkulationen gehen an OpenAI, das versteht Excel besser. Interne Dokumente bleiben auf einem Mistral-Modell auf einer Hetzner-VM, also im Haus, ohne dass Daten abfließen. Ergebnis nach sechs Wochen: 28 Prozent niedrigere KI-Kosten im Monat, eine saubere DSGVO-Dokumentation, und, das hatte keiner erwartet, bessere Ergebnisse, weil jede Aufgabe beim passenden Modell landet.

Der Witz daran: So ein Routing-Layer ist keine Architektur-Olympiade. LiteLLM, OpenRouter oder 200 Zeilen Python reichen. Eine Woche Arbeit für einen ordentlichen Backend-Entwickler, und dein Stack hängt nicht mehr am Duopol.

Was ich diese Woche an deiner Stelle täte

Fang mit der langweiligsten Aufgabe an: Schreib auf, welche KI-Anbieter ihr überhaupt im Einsatz habt, welche Verträge wann auslaufen und welche Daten wohin gehen. Diese Liste fehlt in fast jeder Marketing-Abteilung, mit der wir reden. Ohne sie triffst du keine Entscheidung, du rätst nur. Eine Excel-Tabelle genügt, bitte nicht überbauen.

Dann hol dir einen zweiten Anbieter dazu. Läuft heute alles auf OpenAI, nimm Anthropic dazu, oder andersrum. Beide haben kostenlose Test-Stufen. Nimm fünf deiner häufigsten Aufforderungen und lass sie parallel laufen. Allein dieser Vergleich gibt dir eine zweite Meinung und macht dich messbar unabhängiger.

Und probier einen Open-Weight-Fallback. Mistral Medium 3.5, Llama 4 oder DeepSeek V3.5 auf einer EU-Cloud wie Hetzner, Open Telekom Cloud oder Scaleway, genau für die Fälle, die DSGVO-kritisch sind. Das ist 2026 ein Tageswerk, keine Heldentat. Wir setzen Open-Weight-Modelle überall dort ein, wo Kunden- oder personenbezogene Daten im Spiel sind. Nicht weil es modern ist, sondern weil es die einzige saubere Antwort ist, die nicht an einer US-Datenschutzerklärung hängt.

Der Haken, auch bei uns

Den Teil erspare ich mir nicht: Wir bei Collective Brain haben selbst zu lange auf einen Hauptanbieter gesetzt. Erst seit März fahren wir konsequent dreigleisig. Die Umstellung waren zwei Wochen Aufwand und ein Workshop von acht Stunden, um neue Prompt-Standards festzulegen. Mehr nicht. Wir hätten das längst tun können, und dass wir gewartet haben, war ein Fehler.

Der ehrliche Punkt: Bequemlichkeit kostet im KI-Stack mehr als jede zweite Lizenz. Wer 2026 noch alles auf einen Anbieter legt, zahlt diesen Komfort 2027 mit Verhandlungsmacht. Das ist keine Ideologie, das ist eine nüchterne Risiko-Rechnung.

In zwei Sätzen: Anthropic und OpenAI haben den KI-Markt zu einem US-Duopol gemacht, 89 Prozent der Startup-Umsätze liegen bei zweien. Wer in den nächsten 30 Tagen kein zweites Modell, keinen Routing-Layer und keinen Open-Weight-Fallback hat, hat seinen Stack freiwillig in die Abhängigkeit verkauft.
Florian Wessling, CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg
CEO, Collective Brain GmbH · Hamburg

Florian Wessling ist CEO der Collective Brain GmbH in Hamburg und berät seit über 15 Jahren Mittelständler und Konzerne bei Brand, Content-Strategie und KI-gestütztem Marketing. Er ist eingetragener BAFA-Berater und führt mit Collective Brain eine Google-Partner-Agentur. Florian gilt als prononcierte Stimme zu Creator-Economy und KI-Marketing im deutschen B2B-Markt.